Berliner Behindertenverband e.V. (BBV e.V.)
"Für Selbstbestimmung und Würde"


Antwort zur Meinungsäußerung von Dr. Michael Burghardt (Link)

Sehr geehrter Herr Dr. Burghard,

haben Sie recht herzlichen Dank, daß Sie unser Diskussionsangebot in der Jahresend-BBZ so engagiert annahmen. Erlauben sie mir deshalb, gleich zu antworten und den - bisherigen? - Standpunkt des BBV-Vorstands aufzuzeigen.

Sie halten wegen der "Unmöglichkeit, einen Rollstuhlfahrer beim Ausfall der Aufzüge z.B. infolge Stromausfall zu evakuieren" in Bezug auf den Berliner Fernsehturm den "Ausschluss der Rollstuhlfahrer . . . eher (für) eine Wahrnehmung der Fürsorgepflicht des Betreibers als (für) eine Diskriminierung". Nun, wir meinen, daß auch schwer gehbehinderte Menschen, Asthmatiker/innen, sehr schwere (dicke) Menschen, kleine Kinder, alte Menschen, Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen und viele andere, denen man ihre Beeinträchtigung nicht gleich ansieht, in Not- oder Panik-Situationen nicht gerettet werden können. Wollen Sie all die von der üblichen Nutzung des Fernsehturms ausschließen? Vermutlich nicht. Ich auch nicht. Warum also wollen Sie Herrn Hellinger verwehren, selbstbestimmt das gleiche Risiko einzugehen, wie viele andere Menschen?

Später argumentieren Sie: "Bei Spezialbauwerken, wie es der Fernsehturm darstellt, kann m.E. schon aus Gründen der praktischen Realisierbarkeit ein behindertengerechter Ausbau kaum verlangt werden." Warum eigentlich nicht? Weil "mit der gleichen Begründung . . . dann auch die Siegessäule und jeder begehbare Kirch- bzw. Aussichtsturm behindertengerecht nachgerüstet werden" müßte. Na und? Wenn es sich um öffentliche Gebäude handelt, sehe ich keinen Grund, Rollstuhlfahrer/innen von deren allgemein üblicher Nutzung auszuschließen. Oder sind wir nicht Teil der Öffentlichkeit?

Sie weisen hier in der Tat auf ein allgemeines Problem hin: Bisher scheint es quasi "natur-" oder "gottgegeben", daß Menschen mit bestimmten Behinderungen diese oder jene Gebäude eben nicht nutzen können. Basta. Wir aber meinen, daß Barrieren, die von Menschenhand geschaffen wurden, auch von diesen wieder beseitigt werden können. Noch besser ist es selbstverständlich, solche Barrieren von vornherein zu vermeiden. Bei Neubauten ist das inzwischen Vorschrift. Dennoch müssen wir immer noch ziemlich streng hinschauen, damit diese Pflicht nicht hier und da doch immer mal wieder unterlaufen wird.

Deshalb sprechen wir auch längst nicht mehr von "Behindertengerechtigkeit" sondern von "Barrierefreiheit". Damit kennzeichnen wir die Absicht, dem Nutzen-für-alle-Prinzip zum durchgehenden gestalterischen Grundsatz zu verhelfen.

Insofern haben Sie völlig Recht: Der Fernsehturm ist ein Symbol. Jede/r Tourist/in kennt ihn. Jede/r möchte ihn besteigen. Warum sollte einem behinderten Kind aus dem Allgäu, das mit seinen Eltern die Hauptstadt besucht, der Wunsch verwehrt bleiben, auf dem Fernsehturm eine Runde zu drehen? Oder von der Siegessäule aus auf den Tiergarten zu schauen? Oder warum sollen Musikfreunde - ob Klassik oder Rock - in der Waldbühne weitere Jahrzehnte lang auf die verschwindend wenigen "Rolli-Plätze" am oberen Rand des Geländes verwiesen sein, wo die Akkustik längst nicht den Genuß bietet, wie er auf den anderen tausenden Plätzen selbstverständlich ist? Wir müssen anhand solcher symbolträchtiger Bauwerke zeigen, daß es möglich ist, originelle Lösungen zu finden, die sowohl unser Dazu-Gehören bestärken als sie auch allen anderen Nutzer/innen mehr Bequemlichkeit bieten. Ob im Fernsehturm am Ende neue, feuersichere Aufzüge eingebaut oder gläserne Außenaufzüge hinzugebaut, ob es "nur" leicht erreichbare Schutzräume geben oder eine ganz andere, bisher nicht gekannte Lösung gefunden wird, ist egal. Intelligente Lösungen zu finden, ist doch gerade die Herausforderung für Ingenieur/innen, Architekt/innen, Projektant/innen. Wir können ihnen mit unserm Betroffenen-Sachverstand durchaus gute Tips geben.

Sehen Sie sich beispielsweise die gläserne Kuppel auf dem Reichstagsgebäude an: Als sie geplant wurde, schien es dem Team um den Star-Architekten Lord Norman Forster unmöglich, dort einen Zugang für Rollstuhlkbenutzer/innen zu schaffen. Daß am Ende die zauberhaft einfache und allseits gelobte Spiralen-Lösung gefunden wurde, liegt daran, daß Architekten und Betroffene mal zum richtigen Zeitpunkt gemeinsam im selben Raum waren und darüber berieten. Warum also sollte uns bei anderen Bauten nicht ähnlich Kluges einfallen?

wir weder besser noch schlechter gestellt sein wollen. Niemand sträubt sich dagegen, einen Nebenbeingang zu benutzen, wenn er im konkreten Fall günstiger, bequemer oder schneller erreichbar ist. Wenn uns jedoch der Haupteingang mit Barrieren verschlossen ist, empfinden wir den Zwang, den Nebeneingang zu nehmen, als diskriminierend. Deshalb nennen wir ihn dann "Dienstboteneingang", damit Jede/r merkt, Schließlich sehen Sie noch "eher einen Vorteil", wenn Menschen mit Behinderungen nicht unbedingt über den Haupteingang in (historische) Gebäude gelangen. In Bezug auf die Wartezeit mögen Sie Recht haben. Aber: Die meisten Betroffenen würden dieses "Privileg" gern gegen die Gleichheit eintauschen. Wenn wir uns als selbstverständlichen Teil der Bevölkerung sehen, heißt das auch, daßdaß uns das nicht gefällt. Das Naturkundemuseum ist dafür leider ein gutes schlechtes Beispiel: Dort ist vor dem Haupteingang jede Menge Platz für eine (sogar mehrere) Rampe(n). Und auch die wenigen Stufen im Innenraum ließen sch leicht - und kostengünstig - auch mit schweren Rollstühlen überwinden. Aber nein. Man baute am Seiteneingang einen überdimensionierten Zweieinhalbtonnen-Aufzug, zu dem man nur gelangt, wenn man artig irgendwo klingelt und brav wartet, bis uns aufgetan wird. Das gefällt uns nicht. Was ist daran verwerflich?

In einem Punkte stimme ich Ihnen jedoch vollkommen zu: Das ist kein Thema für einen Rechtsstreit vor Gerichten. Das ist ein gesellschaftliches Thema. Es muß die Frage geklärt werden, ob das Würde-Konzept des Grundgesetzes immer und für alle Menschen mit und ohne Behinderung gilt. Wir müssen uns darüber verständigen, ob Aussonderung - auch mit den wohlmeinendsten Absichten - akzeptabel ist. Das muß politisch erkämpft werden. Da ist viel Diskussion, auch viel guter Wille, vor allem aber viel Verständnis nötig.

Ich danke Ihnen nochmals dafür, daß Sie einer der ersten waren, die sich mit uns auf diese öffentliche Debatte einließen und verbleibe

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ilja Seifert, MdB
BBV-Vorsitzender